Interview mit Ben Gershon

Ich hatte das Vergnügen den Comicautor Ben Gershon zu interviewen. Wir plauderten über Comics, Religion und Humor. Ein Schwerpunkt lag auf dem Terrorakt gegen Charlie Hebdo…

Ben, wann und aus welchem Grund hast du angefangen Cartoons mit religiösem Thema zu zeichnen? Gab es einen besonderen Anlass?

Ich fing an, Cartoons zu zeichnen, als ich noch sehr klein war. Meine erste richtige Zeichnung malte ich tatsächlich an die Tapete meines Kinderzimmers, eine Darstellung von Ernie und Bert aus der Sesamstraße. Ich habe schon von Beginn an Zeichnungen angefertigt, die in einer gewissen Art und Weise „kommuniziert“ haben oder eben irgendetwas cartoonhaftes an sich hatten. Im Alter von 12 Jahren zeichnete ich dann meinen ersten jüdischen Comic. Ich war zur Bat Mitzwah einer Freundin eingeladen und alle Gäste waren gebeten worden, etwas Kreatives zu einem Gästebuch hinzuzusteuern, das dem Mädchen als Erinnerung an ihren speziellen Tag geschenkt werden sollte. Also zeichnete ich einen kurzen Comic für sie.

„Jewy Louis“ wurde zum ersten Mal im Jahr 2004 veröffentlicht, in der Nieuw Israelitisch Weekblad (NIW), einer jüdischen Wochenzeitung in den Niederlanden. Später erschienen die Comics dann auch im San Diego Jewish Journal in den USA, dem Schweizer Wochenmagazin Tacheles und in der Jüdischen Allgemeinen in Deutschland.

Mein Comicstrip „Jewy Louis“ basiert auf einer modernen Version des jüdischen Humors. Humor ist zu einem untrennbaren Teil der jüdischen DNA geworden, und das ist es, was ich mit meinen Cartoons zum Ausdruck bringen möchte. Die Leser können sich mit den Jewy Louis Cartoons identifizieren, sie erkennen die lustigen Situationen und kleinen Absurditäten des jüdischen Lebens in einer nicht-jüdischen Gesellschaft. Ich fange Jahrhunderte alte Traditionen aus einem neuen Blickwinkel zeichnerisch ein. Diese Comicstrips zu zeichnen und sie darüber hinaus in jüdischen Medien in Europa und den USA veröffentlichen zu können – und sogar Teil von Ausstellungen in jüdischen Museen sein zu können – das illustriert sehr deutlich zum einen die extreme Anpassungsfähigkeit von Juden und zum anderen ihren außergewöhnlichen Sinn für Humor.

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Wie bereitest du dich auf einen neuen Cartoon vor? Lässt du dich nur von Dingen aus dem realen Leben inspirieren oder betreibst du auch mal Recherche in Büchern oder anderen Medien? Woher kommen deine Ideen?

Ich sitze an meinem Schreibtisch, halte meinen Bleistift in der Hand und warte darauf, dass der liebe Gott mir eine gute Idee schenkt. Das ist schon fast wie Magie. Ich kann Inspiration aus allen möglichen Dingen schöpfen: aus Unterhaltungen, aus etwas, das ich gelesen habe, wenn ich auf Reisen bin, wenn ich auf einer jüdischen Veranstaltung bin, ja sogar, wenn ich schlafe.

Hast du ein jüdisches Lieblingsthema, das du bevorzugt behandelst?

Ich mache mich gerne über eine Vielzahl jüdischer Themen lustig. Meine Comics behandeln hauptsächlich das jüdische Leben in einer nicht-jüdischen Gesellschaft. Also tauchen darin vor allem Situationen auf, in denen Juden auf Nichtjuden treffen. Aber ich schaue auch gerne mal von einem jüdischen Gesichtspunkt aus auf nichtjüdische Themen. Es gibt so unendlich viele Traditionen im Judentum wie den Sabbat oder dass zum Beispiel orthodoxe Frauen einen Sheitel (Anm: eine Perücke) tragen. Über all das kann man sich prima lustig machen.

Wie schwierig ist es für dich, Comics über Judaismus zu zeichnen und dabei nicht gegen das Gebot zu verstoßen, keine Bildnisse von Gott zu erstellen?

Gott ist in meinen Comics noch nie vorgekommen. Allerdings hat „Gott den Menschen nach seinem Abbild erschaffen“, wie wir aus Genesis 1:27 wissen. Das ist die Basis des Bilderverbots, zusammen mit dem zweiten Gebot, das uns Götzendienst verbietet: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist.“ Unter der Voraussetzung kann man sich natürlich fragen, ob es überhaupt erlaubt ist, etwas zu zeichnen, vor allem menschliche Wesen oder Figuren. Ich störe mich nicht daran, und ich denke, wenn es wirklich ein großes Problem wäre, würden meine Comics nicht in jüdischen Zeitungen abgedruckt oder in Synagogen ausgestellt.

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Gibt es für dich irgendwelche Tabuthemen in Bezug auf den jüdischen Glauben?

Für mich? Nein! Für andere? Ganz sicher!

Ist es denn deiner Meinung nach okay, sich über Religionen lustig zu machen?

Ja. Wir sollten nicht alles so furchtbar ernst nehmen. Lasst uns zusammen lachen! Kumbaya!

Wie ist es mit Gott? Darf man über den lachen?

Wieso denn nicht?

Das klingt sehr bestimmt. Wie sehen das deine Leser? Wurdest du schon mal dafür kritisiert, dass du Cartoons über religiöse Themen machst?

Natürlich verstehen nicht alle Menschen meine Witze immer so, wie ich sie meine. Manche fühlen sich sogar angegriffen. Aber das finde ich sogar gut, auch wenn es nicht sehr oft vorkommt. Als Cartoonist möchtest du ja Gefühle hervorrufen, du willst eine Reaktion auf das sehen, was du geschaffen hast, ob das nun ein Lächeln oder eine Diskussion ist. Ein guter Freund von mir, auch ein Comiczeichner, der leider letztes Jahr verstorben ist, sagte immer „Mit jeder Person, die du beleidigt hast, hast du zehn Menschen glücklich gemacht.“ Ich stimme ihm zu. Dennoch ist es natürlich nicht meine Intention Menschen wütend zu machen oder sie zu beleidigen. Ich möchte sie nur unterhalten und sie zum Lachen bringen. Es macht mich glücklich zu wissen, dass sogar sehr fromme Juden meine Comics lesen und darüber lachen können. Ich habe mich total geehrt gefühlt, als einer der einflussreichsten Rabbiner die Eröffnungsrede zu einer meiner Ausstellungen in einer ehemaligen Synagoge in Holland gehalten hat.

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Haben sich die Reaktionen auf deine Comics nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo irgendwie verändert?

Nein, eigentlich nicht.

Wie hast du diesen Tag erlebt? Erinnerst du dich noch daran, was du gedacht hast, als du vom Anschlag auf Charlie Hebdo erfahren hast?

Ich kann nur sagen, ich war ehrlich schockiert und es graute mir davor, wie diese Menschen brutal mit Kalashnikovs abgeschlachtet wurden. Der Terroranschlag auf Charlie Hebdo hatte zwei Komponenten: Zum einen der furchtbare Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo, bei der 12 Menschen getötet wurden, und zum anderen die Geiselnahme im koscheren Supermarkt und der Mord an vier Juden in diesem Laden. Einen Monat später wurde der schwedische Künstler Lars Vilks bei einer Veranstaltung für die Redefreiheit angegriffen, ein Mensch wurde dabei getötet, und dann gab es noch den Anschlag auf die Synagoge in Kopenhagen, bei der auch ein Mensch ermordet wurde. Zwei Anschläge, die ganz klar gegen Comiczeichner und gegen Juden gerichtet waren, innerhalb von nur ein paar Wochen. Als Comiczeichner und Jude, der auch noch für jüdische Medien arbeitet, fühlte sich das natürlich nicht gerade angenehm an.

Was hat sich für dich persönlich seit dem Anschlag verändert?

Ich gehöre nicht zu der Gruppe von Cartoonzeichnern, die beispielsweise Mohammed-Cartoons anfertigen. Das ist nicht mein Stil. Das Thema inspiriert mich ehrlich gesagt nicht wirklich, und es gab auch nicht wirklich einen Grund für mich, darüber zu zeichnen. Ich würde das Thema nur behandeln, wenn ich auch tatsächlich einen Beweggrund dafür hätte, also wenn es beispielsweise notwendig wäre, um eine lustige Situation umzusetzen.

Die dänischen Zeichnungen fand ich überhaupt nicht lustig und in dem Zusammenhang daher auch ziemlich unnötig. Das heißt aber nicht, dass ich prinzipiell gegen sie eingestellt wäre. Überhaupt nicht. Es wichtig, dass man sich bewusst macht, dass diese Cartoons keine aus der Luft gegriffene Publikation waren, sondern eine Antwort darauf, dass sich niemand traute, ein Kinderbuch von Kåre Bluitgen über den Koran zu illustrieren. Nach der Veröffentlichung in der Jyllands Posten reiste eine Gruppe von Imamen durch den Mittleren Osten, um Hass aufgrund der Cartoons zu säen. Dabei ergänzten sie sogar noch andere Cartoons, die sie noch blasphemischer fanden. Im Gegensatz zu den dänischen Karikaturen jedenfalls fand ich die Charlie Hebdo Cartoons lustiger und auch besser gemacht. Sie passten perfekt in das Portfolio der Zeitung, die sich über alles und jeden lustig macht. Nicht nur über den Islam.

Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo habe ich selbst ein paar Cartoons zu diesem Thema gezeichnet. Das waren allerdings Cartoons, die in meinem normalen „Jewy Louis“-Stil gehalten waren. Durch die Anschläge, die auf Juden verübt wurden, habe ich jedoch keinen Verlag gefunden, der meine Zeichnungen drucken wollte. Ich verstehe, dass es viele Ängste gibt. Wenn ich einen geschmacklosen Cartoon zeichne, dann bringt das unter Umständen nicht nur mich selbst in Gefahr, sondern auch andere Menschen.

Das ganze Interview gibt’s im Comic! Jahrbuch 2016

Wer ist Ben Gershon?

Ben Gershon, Jahrgang 1985, ist der Schöpfer der koscheren Comic-Strips ‘Jewy Louis’ und ‘A Jewish Fairytale’. Seine Comics erscheinen wöchentlich in der Jüdischen Allgemeine, Deutschlands führender jüdischer Zeitung. Gershon ist in den Niederlanden geboren und aufgewachsen. Die Jewy Louis-Comics portraitieren lustige Begebenheiten und Absurditäten des jüdischen Lebens in einer nicht-jüdischen Umwelt. Sie beleuchten jahrhundertealte Traditionen von neuen Standpunkten aus. Gershons Comics wurden bereits im Jewish Historical Museum in Amsterdam, dem Jüdischen Museum Wien, dem Etty Hillesum Center in Deventer sowie in einer Dauerausstellung in der Synagoge in Groningen ausgestellt. Als einflussreich auf sein Werk nennt Gershon Zeichnerkollegen wie Charles M. Schulz, Mort Walker, René Goscinny, Gary Larson, Nicholas Gurewitch, Scott Adams und Don Rosa.

Neben seiner Karriere als Comiczeichner studierte Gershon Steuerrecht und Öffentliche Verwaltung.

Website des Autors Ben Gershon

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