Kafka und das jiddische Theater

Um die Firma seines Vaters zu retten, musste Franz Kafka am 15. Oktober 1911 nach Radotin reisen. Dazu notierte er am selben Tag in sein Tagebuch: „Komme dadurch um das Zusammensein mit Löwy, an den ich fortwährend denke.“(1) Kafkas Faszination für die Schauspieltruppe um Jizchak Löwy war einer der maßgebenden Punkte für sein aufflammendes Interesse an jiddischer Literatur. Er nutzte jede Gelegenheit, die sich ihm bot, um Zeit mit diesen für ihn so fremden osteuropäischen Juden zu verbringen und mehr über ihr Leben, ihre Ansichten und nicht zuletzt ihre religiöse Ausrichtung zu erfahren. Vor allem für Löwy verspürte Kafka ein tiefes Gefühl der Freundschaft.

Nachdem er durch seinen Radotin-Aufenthalt die Verabredung mit Löwy hatte absagen müssen, lud er den Schauspieler am Tag darauf ins Nationaltheater ein. Die Sitze waren teuer, „Stück und Aufführung [„Dubrovnickà trilogie“] waren trostlos“ (2) und im Ganzen blieben Kafka nur einige gelungene Details in Erinnerung. Auch sein Begleiter schien sich zu langweilen. Trotz allem war dies ein besonderer Abend für Franz Kafka. Er fühlte sich frei, leicht, geschickt und ganz und gar nicht wie er selbst, eher wie eine zweite ihm völlig fremde Person. Dass dieses überragende Gefühl noch mehrere Tage anhielt, lässt erahnen, welch großen Eindruck Jizchak Löwy auf Kafka gemacht haben muss. Kafka notierte hierzu: „Ein zweites Beispiel: Gesternabend reichte ich meinen beiden Schwägerinnen in der Mariengasse gleichzeitig beide Hände mit einer Geschicklichkeit, wie wenn es zwei rechte Hände wären und ich eine Doppelperson.“ (3) Kafka entwickelte aus Löwys Gesellschaft heraus – zumindest vorübergehend – ein völlig neues Körpergefühl und ein verblüffendes Selbstbewusstsein.

Die Gedanken des Schriftstellers kreisten so oft um die Schauspieler, dass er dadurch zu einigen Selbsterkenntnissen gelangte: „Das Mitleid, das wir mit diesen Schauspielern haben, die so gut sind und nichts verdienen und auch sonst bei weitem nicht genug Dank und Ruhm bekommen, ist eigentlich nur das Mitleid über das traurige Schicksal vieler edler Bestrebungen und vor allem der unseren. Darum ist es auch so unverhältnismäßig stark, weil es sich äußerlich an Fremde hält und in Wirklichkeit zu uns gehört. Trotzdem ist es aber mit den Schauspielern immerhin so eng verbunden, dass ich es nicht einmal jetzt von ihnen lösen kann. Weil ich es erkenne, bindet es sich zum Trotz noch mehr an sie.“ (4)

Ob die Schauspieler jedoch wirklich so gut waren, lässt sich anzweifeln. Kafka schrieb, wie er selbst zugab, „mit wechselder Kraft“ (5) über sie. Mal stellte er fest, dass ihre Kunst unterschätzt würde, mal notierte er, dass zum Beispiel die Einstudierungen an Ungenauigkeit litten. (6) Dennoch interessierte sich Kafka für alles, was die Schauspieler bewegte. Ein Streitgespräch mit Herrn Tschissik, dem Mann seiner Angebeteten, und Löwy hielt er bis ins kleinste Detail in seinem Tagebuch fest. (7)

Auch über Löwys Leben und Vergangenheit brachte Kafka so manches in Erfahrung. Dieser kam ursprünglich aus einer Rabbinerfamilie, brach jedoch seine religiöse Ausbildung ab um Schauspieler zu werden. Aus den Erzählungen seines Freundes notierte Kafka für ihn Neues, Interessantes und Faszinierendes über das Judentum. So finden sich unter anderem einige Anekdoten über einige bekannte Rabbiner dieser Zeit, aber auch Details über den „großen Adler“, wie der damals bekannteste und erfolgreichste jiddische Schauspieler in den USA genannt wurde. Laut Löwy war dieser sogar Millionär geworden. Von solcherlei Geldsegen war die Truppe aus Lemberg jedoch weit entfernt – was Kafka ebenfalls an einigen Stellen in seinem Tagebuch festhielt.

Und doch waren die Schauspieler für Kafka nahezu heilig. Er wagte nicht, sie nach einer Vorstellung anzusprechen, und er verurteilte alle Menschen, die genau das wagten. Es war ihm unmöglich seine Eindrücke, Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, und er hielt es für absolut falsch, diesen besonderen Moment nach einer Aufführung durch Reden zu zerstören.  (8) Selbst wenn eine Aufführung einmal nicht ganz gelungen war, war Kafka voller Ehrfurcht: „Wer weiß bei kleinen, wenn auch vielen Lücken des Eindrucks, wer die schuld an ihnen trägt.“ (9)

Kafka beließ es jedoch nicht bei der bloßen Bewunderung, er griff den Schauspielern auch kräftig unter die Arme. So notierte er am 24. Januar 1912: „Endlich hatte ich mit den jüdischen Schauspielern viel zu tun, schrieb für sie Briefe, habe beim zionistischen Verein durchgesetzt, dass die zionistischen Vereine Böhmens gefragt werden, ob sie Gastspiele der Truppe haben wollen, das nötige Rundschreiben habe ich geschrieben und vervielfältigen lassen.“ (10)

Ob Kafkas Bemühungen Früchte trugen, erfährt der Leser leider nicht. Der Höhepunkt seiner Anstrengungen war jedoch die „Rede über die jiddische Sprache“, die Kafka für einen Vortrag Löwys erarbeitete und selbst hielt. Wie aus dem folgenden, längeren Zitat hervorgeht, muss Kafka all seine Kraft und sehr viel Herzblut in diese Aufgabe investiert haben: „Vorbereitungen zum Vortrag: Konferenzen mit dem Verein Bar-Kochba, Zusammenstellung des Programms, Eintrittskarten, Saal, Numerierung der Plätze, Schlüssel zum Klavier (Toynbeehalle), erhöhtes Podium, Klavierspieler, Kostümierung, Kartenverkauf, Zeitungsnotizen, Censur der Polizei und der Kultusgemeinde. Lokale, in denen ich war und Leute mit denen ich gesprochen oder denen ich geschrieben habe: Allgemeines: mit Max, mit Schmerler, der bei mir war, mit Baum, der zuerst die Conference übernommen hatte, sie dann ablehnte, den ich im Laufe eines dafür bestimmten Abends wieder umstimmte und der den nächsten Tag mit Rohrpostkarte wieder absagte, mit Dr. Hugo Hermann und Leo Hermann im Kafe Arco, öfters mit Robert Weltsch in seiner Wohnung, wegen Kartenverkaufes mit Dr. Bloch (umsonst) Dr. Hanzal, Dr. Fleischmann, Besuch bei Frl. Taussig, Vortrag im Afike Jehuda (Rabb. Ehrentreu über Jeremias und seine Zeit beim geselligen Zusammensein nachher kleine mißlungene Rede über Löwy), beim Lehrer Weiß (dann im Cafe, dann spazieren, von 12 bis 1 stand er lebendig wie ein Tier vor meiner Haustür und ließ mich nicht hinein) Wegen des Saales bei Dr. Karl Bendiener, im Flur des Rathauses mit dem alten Dr. Bendiener, zweimal in der Wohnung des Liebers am Heuwagsplatz, einigemal bei Otto Pick in der Bank, wegen des Klavierschlüssels beim Toynbeevortrag mit Hr. Roubitschek und dem Lehrer Stiassny, dann in des letzternWohnung den Schlüssel abholen und wieder zurückbringen, wegen des Podiums mit dem Hausmeister und Diener des Rathauses, wegen der Bezahlung in der Rathauskanzlei (zweimal), wegen des Verkaufes bei Frau Freund in der Ausstellung „Der gedeckte Tisch“ Geschrieben: an Frl. Taussig, an einen Otto Klein (nutzlos) fürs Tagblatt (nutzlos) an Löwy („ich werde den Vortrag nicht halten können, retten Sie mich! „)“ (11)

Obwohl ihn dieser Aufwand sehr viel Zeit, Kraft und Nerven kostete, schöpfte Kafka gleichzeitig neue Kraft aus den Vorbereitungen. Die Mühe lohnte sich für ihn: „Nutzen: Freude an L. und Vertrauen zu ihm, stolzes, überirdisches Bewußtsein während meines Vortrages (Kälte gegen das Publikum, nur der Mangel an Übung hindert mich an der Freiheit der begeisterten Bewegung) starke Stimme, müheloses Gedächtnis, Anerkennung, vor allem aber die Macht mit der ich laut, bestimmt, entschlossen, fehlerfrei, unaufhaltsam, mit klaren Augen, fast nebenbei, die Frechheit der drei Rathausdiener unterdrücke und ihnen statt der verlangten 12K nur 6K gebe und diese noch wie ein großer Herr. Da zeigen sich Kräfte, denen ich mich gerne anvertrauen möchte, wenn sie bleiben wollten. (Meine Eltern waren nicht dort.)“ (12) Wenn der sonst so selbstkritische Kafka in solchen Worten über seine eigene Leistung spricht, lässt dies erahnen, welch großes Glücksgefühl und welch bedeutendes Erfolgserlebnis ihm dieser Vortrag beschert haben muss.

Vermutlich reisten die Lemberger Schauspieler im Frühjahr 1912 aus Prag ab. Aus Kafkas Tagebüchern geht jedoch weder hervor, wann genau sie die Stadt verließen noch welches Ziel sie ansteuerten. Allein die Tatsache, dass Kafka im folgenden Briefe erwähnt, die er an seinen Freund Löwy verfasste, lässt darauf schließen, dass sich dieser nicht mehr in Kafkas Nähe befand. Allerdings muss davon ausgegangen werden, dass Kafkas Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1912 unvollständig sind, da sie doch recht große Lücken aufweisen.

Fortsetzung in Teil 2

Quellen:

(1) Max Brod (Hrsg.): „Franz Kafka Tagebücher 1910-1923“, Frankfurt am Main, S. 76

(2) und (3) ebd. S. 81

(4) ebd. S. 83

(5) ebd. S. 84

(6) ebd. S. 66-67

(7) ebd. S. 84

(8) ebd. S. 90

(9) ebd. S. 91

(10) ebd. S. 177

(11) ebd. S. 182-183

(12) ebd. S. 183-184

 

 

 

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