Gepflegt an der Welt verzweifeln

Conor Oberst, der Frontmann von Bright Eyes, ist zurück mit einem neuen Soloalbum: „Ruminations“. Welcher Zeitpunkt wäre besser geeignet um in das neue Werk reinzuhören als ein trüber Freitagnachmittag, draußen ein wolkenverhangener Himmel, drinnen ein halbleeres Glas Wein. Ja, das Glas ist natürlich halb leer, denn wie immer ist Conor nicht unbedingt der Stimmungsmacher für die nächste Party. Wen wundert’s, denn die ersten Worte, die er mir mit seiner bekannt-brüchigen Stimme entgegen presst, sind:

„It’s a mass grave“. 

(Aus: Tachycardia)

Begleitet von Piano und Mundharmonika schlägt er also vertraute Töne an: Es geht um die Schwierigkeit zwischenmenschliche Beziehungen aufrecht zu erhalten, die Angst vor dem Altwerden und generell darum, dass es gar nicht so leicht ist, als halbwegs intelligenter, emotionaler Mensch in einer modernen Welt zu leben ohne komplett den Verstand zu verlieren oder sich am nächsten Baum aufzuhängen:

‚Cause the modern world is a sight to see
It’s a stimulant, it’s pornography
It takes all my will not to turn it off

(Aus: Barbary Coast (Later))

Wie üblich ist sein Schmerz an der Realität förmlich körperlich zu spüren, was vielleicht auch daran liegt, dass seine Texte hauptsächlich in der Ich-Perspektive verfasst sind. Emotional packende, poetische Lyrics hat Oberst nach wie vor drauf. Wie immer erzählt er in seinen Songs kleine Geschichten, in ebenso wunderschöne wie depressive Worte gehüllt. Spätestens nach dem dritten Lied will ich mich in eine Decke einkuscheln, um mich vor der bösen Realität da draußen zu schützen. Und vielleicht sollte ich Wein nachschenken? Überhaupt scheint in der Welt von Conor Oberst vieles nur mit Alkohol erträglich zu sein.

Now I walk around in some kind of altered state
The drink in my hand is starting to shake
I get used to it if it has to stay this way
A new bunch of flowers I’ll have to arrange

(Aus: Gossamer Thin)

Doch zwischen den vielen depressiven, sehnsüchtigen, ängstlichen und verzweifelten Tönen schwingt nach wie vor so etwas wie Hoffnung mit. Die Hoffnung, dass das Leben mit Freunden vielleicht doch bezwungen werden kann, und dass es sich trotz aller Strapazen, dem Leiden und der Erkenntnis, dass wir alle irgendwann sterben müssen, zu leben lohnt.

Oh, you don’t have to lie, say you’re alright
We’re just happy that you’re here
But if you yell and tell me to go to hell
Well at least you’d sound sincere
Oh, you know it’s all a spectacle
When you go to take a bow
You always did get nervous in a crowd
But if you need some company
I’d gladly stick around
And we can keep drinking till St. Dymphna kicks us out.

(Aus: Till St. Dympha kicks us out)

Na ja, zumindest bis die Flasche Wein leer ist.


Anspieltipps:

Till St. Dymphna Kicks Us Out

The Rain Follows the Plow

Next of Kin


Conor Oberst: Ruminations, erschienen am 14. Oktober 2016

(Pressebild von x-why-z)

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