Kafka und das jiddische Theater (Teil 2)

In einer Tagebuchaufzeichnung von Oktober 1911 sprach Franz Kafka den Wunsch aus, „ein großes jiddisches Theater […] und jiddische Literatur“ (1) zu kennen. Dies konnte er halbwegs durch seine Bekanntschaft mit Löwy und dessen Kollegen verwirklichen. Kafkas Aufzeichnungen bezeugen, dass er ein relativ breites Spektrum an jiddischer Literatur kennenlernte: Er las Dramen von Abraham Goldfaden, Am. Scharkansky, Jakob Gordin, Joseph Lateiner und Moses Richter. Durch Löwy wurde er auf die Gedichte David Edelstatts und Morris Rosenfelds aufmerksam. Er fand Gefallen an Humoresken von Scholem Alejchem, Geschichten von Jizchak Leib Perez und las Mendele Moicher Sforims Roman „Fiscke der Krumer“. Er kannte also alle großen jüdischen Autoren des späten 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts.

Er las darüberhinaus jedoch auch einige chassidische Erzählungen. In seiner Handbibliothek befanden sich zum Beispiel die „Sagen polnischer Juden“, die 1916 von Alexander Eliasberg herausgegenen worden waren, sowie eine Ausgabe der von Micha Josef bin Gorion 1913 veröffentlichten „Gesammelte[n] Sagen der Juden“, sowie eine Sammlung jüdischer Legenden.

In seinem Tagebuch hielt Kafka den Inhalt der angeschauten Sütcke fest und beschrieb teilweise bis ins kleinste Detail die Gestik der Schauspieler, von denen er fasziniert war. „Max Brod meint, selten seien die größten Schauspieler sowohl hinsichtlich ihrer Kunst wie ihres Privatlebens mit so viel Liebe und eindringlichem Verständnisbemühen beschrieben worden.“ (2)

Kafkas erste Begegnung mit den Schauspielern muss um den 5. Oktober 1911 herum gewesen sein. An diesem Tag hielt Kafka seine Erinnerungen an das von ihm im Café Savoy besuchte Stück „Meschumed“ von Lateiner fest. Die mehrere Seiten umfassende, sehr detaillierte Darstellung zeugt von Kafkas aufflammendem Interesse und auch davon, welch bleibenden Eindruck das recht ernste Stück bei ihm hinterlassen hatte. Diese bis auf den Regierungsvertreter und den Keller rein jüdische Veranstaltung erregte Kafka gar so sehr, dass ihm laut eigener Aussage „ein Zittern über die Wangen [ging]“. (3) Kafka sah sich plötzlich mit einem Judentum konfrontiert, dass er so nicht kannte. Die von den Schauspielern dargestellten Stereotypen waren vollkommen fremd für ihn: „Eigentlich weiß ich nicht, was für Personen das sind, die sie und ihr Mann darstellen.“ (4) Er bezweifelte, dass er die Fähigkeit besäße, sie anderen Menschen zu beschreiben, und schämte sich zugleich für seine Unwissenheit. Vielleicht war auch das ein Ansporn für ihn, sich weiter mit der Thematik auseinanderzusetzen. Laut seiner Tagebuchaufzeichnung zogen die Schauspieler das Publikum gerade deshalb in den Bann, weil sie Juden waren. Mit der Besonderheit, dass hier zwei sehr verschiedene Strömungen des Judentums aufeinanderprallten.

Kafka notierte sich die Handlung des Stückes sehr genau, hielt aber auch die dramaturgischen Besonderheiten der Aufführung est. Neben aller Begeisterung vermerkte er jedoch auch, dass die Darbietung unter „dem kleinen Personal und der ungenauen Einstudierung“ (5) litt. Am 8. Oktober 1911 besuchte Kafka eine Aufführung der „Sejdernacht“ von Feimann. Obwohl Kafka zu diesem Stück kaum etwas notierte, lässt dies keinesfalls auf Enttäuschung oder Desinteresse schließen. Im Gegenteil hält er fest: „Zuzeiten griffen wir (im Aufgenblick durchzog mich das Bewusstsein dessen) nur deshalb nicht in die Handlung ein, weil wir zu erregt, nicht deshalb, weil wir nur Zuschauer waren.“ (6) Unwahrscheinlich ist, dass der Plural ausdrücken soll, dass der ganze Saal seine Gefühle teilte. Vermutlich spricht Kafka hier von Max Brod und seiner Schwester, die ihn häufig zu Aufführungen begleiteten.

Die Oper „Sulamithe“ von Goldfaden muss Kafka in den folgenden Tagen mehrfach besucht haben. Überhaupt ist aufgrund der teilweise akribisch beschriebenen Stücke davon auszugehen, dass er die meisten Aufführungen mehrfach angesehen hat. In diesem Fall geht die Beobachtung daraus hervor, dass Kafka in der Frisur der Frau Tschissik als Sulamithe eine Regelmäßigkeit erkannte. Auch bei diesem Stück notierte er die Handlung sehr genau und hielt sogar die Besetzung fest. Auch einige wörtliche Zitate finden sich im Tagebucheintrag. Hier kommt auch zum ersten Mal die Bewunderung für Jizchak Löwy zum Tragen, den Kafka „im Staub bewundern“ (7) wollte und zudem er in den nächsten Wochen eine innige Freundschaft aufbaute. Fast dokumentarisch notierte er zudem einen Vorfall, der sich am Rande der Vorstellung ereignete und bei dem Löwy durch einen Streit innerhalb der Schauspielertruppe aus dem Theater geworfen zu werden drohte. Der Ausgang dieses Ereignisses ist jedoch in der Überlieferung verloren gegangen, und so erfährt man ebenfalls nicht, ob Kafka zu „Sulamithe“ mehr notiert haben könnte.

Nicht nur durch Theaterbesuche, sondern auch durch Vorträge Löwys erfuhr Franz Kafka mehr über die jiddische Literatur. Am 18. Oktober 1911 wohnte er einem Vortrag Löwys bei, in dem er Humoresken von Scholem Alejchem, eine Geschichte von Jizchak Peerez, ein Gedicht von Bialik und „Die Lichtverkäuferin“ von Rosenfeld kennenlernte. „Die vollständige Wahrheit der Vorlesung“(8) beeindruckte Kafka so sehr, dass er detailgetreu und ungemein scharfsinnig Löwys Körperhaltung und Mimik in seinem Tagebuch festhielt. Über die Texte selbst notierte er nichts weiter, so dass davon ausgegangen werden kann, dass Löwy ihm weitaus mehr imponierte.

Am 16. Oktober 1911 besuchte Kafka „Kol Nidre“ von Scharkansky. Dieses nach seinem Empfinden schlechte Stück hatte für ihn nicht viel mehr als eine recht „witzige Briefschreiberszene“(9) zu bieten. Allerdings gibt er im Tagebucheintrag zu, dass es ihm nicht gelang, sich einen klaren Eindruck zu verschaffen, weil er von verschiedenen Einflüssen abgelenkt wurde. Als Gründe nannte er die große Gesellschaft, in der er sich befand, Besuche am Tisch seiner Schwester, vor allem aber die Liebe zu Frau Tschissik, die dank der Kuppelei von Max Brod an diesem Abend neben Kafka saß. Zu ihr notierte er daher wesentlich mehr als zum Stück, von dem er nur wesentliche Inszenierungsdetails festhielt.

Oft notierte Kafka auch biographische Details zu den Autoren der von ihm gesehenen Stücke.

Weiter geht’s in Teil 3 


(1) Max Brod (Hrsg.): „Franz Kafka Tagebücher 1910-1923“, Frankfurt am Main, S. 66

(2) Joachim Hemmerle: „Jiddisches Theater im Spiegel deutschsprachiger Kritik. Von der Jahrhundertwende bis 1928. Eine Dokumentation“, Frankfurt, S. 286

(3) Max Brod (Hrsg.): „Franz Kafka Tagebücher 1910-1923“, Frankfurt am Main, S. 61

(4) ebd. S. 60

(5) ebd. S. 66

(6) ebd. S. 70

(7) ebd. S. 82

(8) ebd. S. 74

(9) ebd. S. 78

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