Kafka und das jiddische Theater (Teil 3)

Am 23 Oktober 1911 notierte Kafka: „Goldfaden, verheiratet, Verschwender auch in großer Not. An hundert Stücke. Gestohlene lithurgische Melodien volkstümlich gemacht. Das ganze Volk singt sie. Der Schneider bei seiner Arbeit (wird nachgemacht), das Dienstmädchen, usw.“ (1)

Am 25. und 26. Oktober lernte Kafka dann verschiedene Werke Gordins kennen. „Gott, Mensch, Teufel“ hörte er am ersten der beiden Tage in einem Vortrag Löwys, am 26. besuchte er die Aufführung von „Der wilde Mensch“. Die Arbeitsweise des Künstlers gefiel ihm besser als die anderer, „weil er mehr Details, mehr Ordnung und mehr Folgerichtigkeit in dieser Ordnung hat.(2) Kafka notierte die Handlung des Stückes sehr genau und beschieb sogar den Theaterzettel. Er verglich diesen mit dem Stück und stellte dabei große Differenzen fest. Zudem setzte er sich intensiv mit den Personen im Werk auseinander. Eine der dort beschriebenen Frauen gab ihm ein Stück Selbstbewusstsein. Hierzu notierte er: „Die Erfindung dieser Fraau und ihres Liebhabers, eine Erfindung, die niemandem um seine Meinung fragt, hat mir unklares, verschiedenartiges Selbstvertrauen gegeben.“ (3) Das Stück motivierte ihn zu schreiben, ohne auf gängige Tabus achten zu müssen. Außerdem las Löwy Kafka in einem Café das erste Kapitel von Gordins „Elieser ben Schevia“ vor, zu dem Kafka jedoch nichts weiter vermerkte.

Am 1. November bekann Kafka sein Wissen über das Judentum durch Sachbücher zu fundieren. „Gierig und glücklich“ (4) las er die „Geschichte des Judentums“ von Graetz. Drei Tage später besuchte er eine Aufführung von Goldfadens „Bar Kochbar“. Er konnte sich jedoch dieses Mal nicht wie üblich auf das Stück konzentrieren, weil er an diesem Abend vorhatte, Frau Tschissik durch einen Strauß Blumen seine Liebe zu beweisen. Dass dieses Unterfangen fehlschlug, trug wesentlich zu Kafkas mangelnder Konzentration bei. Max Brod hatte Tage zuvor einen Lobartikel auf die Schauspieler verfasst, der in der Prager Wochenzeitung erschienen war. Kafka hatte seinen Freund um diesen Gefallen gebeten. Kafka hielt also diesmal den Inhalt des Stückes nicht fest, notierte jedoch zahlreiche Pannen, die der eher zweitklassigen Schauspielertruppe passierten. Sowohl Kafka als auch Brod müssen von der schlechten Darbietung peinlich berührt gewesen sein, da nicht zuletzt durch Brods Artikel viele Besucher zur Aufführung erschienen waren.

Am 24. November besuchte Kafka eine Darbietung von Gordins „Schhite“, von der er sich gleich auch die Übersetzung („Der, welcher die Schächtkunst lernt“) notierte. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass in Kafkas Familie nicht koscher gegessen wurde – oder zumindest darauf, dass sie keine Ahnung von den Hintergründen der Speisegebote hatten und Kashrut im Hause Kafka zu einem leeren Ritual geworden war. In jedem Fall zeugt Kafkas Eintrag jedoch von Interesse für die Hintergründe. Er beschäftigte sich nach dem Stück zudem mit dem Talmud. Er notierte die im Stück wiedergegebenen Talmundzitate und ließ sie sich später von Löwy erklären.

Drei Wochen später, am 13. Dezember 1911, sah Kafka „Der Schneider als Gemeinderat“ von Richter. Kafka notierte hierzu kaum etwas, da ihn zwei neue, „fürchterliche“ (5) Schauspieler und die mindere Qualität des Stückes enttäuscht hatten. In den darauffolgenden Tagen muss Kafka noch ein weiteres Stück gesehen haben, dessen Titel und Verfasser jedoch nicht überliefert sind. Auch das Datum der Aufführung bleibt im Dunkeln. Auffallend ist nur, wie Präzise Kafka körperliche und gestische Details der Schauspieler erfasst: „Der junge Pipes beim Gesang. Als einziges Geberdenspiel wird der r. Unterarm im Gelenk hin und her gekegelt, die halbgeöffnete Hand öffnet sich noch etwas weiter und zieht sich dann wieder zusammen. Der Schweiß bedeckt ihm das Gesicht, besonders die Oberlippe wie mit Glassplittern. Flüchtig ist ein knopfloses Plastron hinter die Weste des Schlußrockes gesteckt. – Der warme Schatten im weichen Rot der Mundhöhle der singenden Frau Klug.“ (6) Derart scharfsichtig beobachtet ein Mensch wohl nur, wenn er in hohem Maße fasziniert ist.

Am 19. Dezember sah Kafka dann ein weiteres Stück von Lateiner mit dem Titel „Davids Geige“. In seinem Tagebuch gibt er einen kurzen Überblick über die Handlung und die Besetzung und hält einige Details zu seiner Angebeteten Frau Tschissek und seiner Liebe zu ihr fest. Sechs Tage später wohnte er einer Aufführung von „Blümale oder die Perle von Warschau“ bei, bei der er sich wünschte, das Publikum würde mehr Begeisterung zeigen.

Im Tagebucheintrag vom 6. Januar 1912 zeigt sich Kafkas ambivalentes Verhältnis zu jiddischer Literatur so wie auch zu den Schauspielern aus Lemberg. War er Tage zuvor noch voller Faszination für jedes noch so kleine Detail, stellte er plötzlich fest: „Die Eindrucksfähigkeit für das Jüdische in diesen Stücken verläßt mich, weil sie zu gleichförmig sind und in ein Jammern ausarten, das auf vereinzelte kräftigere Ausbrüche stolz ist. Bei den ersten Stücken konnte ich denken, an ein Judentum geraten zu sein, in dem die Anfänge des meinigen ruhen und die sich zu mir hin entwickeln und dadurch in meinem schwerfälligen Judentum mich aufklären und weiterbringen werden, statt dessen entfernen sie sich, je mehr ich höre, von mir weg.“ (7)

Als wohl letzte Aufführung der Lemberger Truppe sah Kafka wahrscheinlich „Herzele Mejiches“ von  Richter, wobei er das Datum des Besuchs nicht vermerkte. Er notierte nichts weiter zu diesem Stück und erwähnte im folgenden keine weitere Aufführung der Truppe mehr.

(1) Max Brod (Hrsg.): „Franz Kafka Tagebücher 1910-1923“, Frankfurt am Main, S. 82

(2) ebd. S. 84

(3) ebd. S. 86

(4)  ebd. S.98

(5) ebd. S. 139

(6) ebd. S. 141

(7) ebd. S. 171

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