Dating mit Ovid – Teil 1

„Jeder, der mit meinem Schwert eine Amazone besiegt hat, schreibe auf die Beute, die er weiht: ‚Naso war mein Lehrer.'“ (1)

Publius Ovidius Naso, wie der römische Dichter Ovid mit vollem Namen hieß, fühlte sich schon als junger Mann zum Literaten berufen. Nach einer recht erfolgreichen Ausbildung der Rechtswissenschaften verzichtete er auf eine Laufbahn als Senator. Bereits als Teenager hielt er Lesungen, rasch wurde er zu einem der beliebtesten römischen Dichter – und das bereits zu Lebzeiten. Eines seiner bekanntesten Werke, die Ars Amatoria oder auch Ars armandi (Die Kunst zu lieben), erschien in der endgültigen Fassung etwa um die Geburt Christi herum, und war so etwas wie das 50 Shades of Grey der Antike. Die Menschen liebten das Buch, dem etwas Anrüchiges anhaftete – nicht zuletzt weil Ovid selbst damit warb, „sein Buch sei nichts für anständige Hausfrauen.“ Ganz so klug war diese Werbung nicht. Dummerweise hatte Augustus gerade erst strenge Sittengesetze erlassen, um die heilige Institution der Ehe zu schützen, Prostitution im römischen Reich auszumerzen und die unter seinen Vorgängern aus der griechischen Kultur übernommene Knabenliebe mit der Todesstrafe zu belegen. Zwar verkaufte sich die Ars Amatoria gerade aus diesem Grund wie „geschnitten Brot“ – man munkelt sogar Augustus Tochter habe das Buch verschlungen – doch leider zog Ovid dadurch den Zorn des Kaisers auf sich, der ihn – hier kann nur vermutet werden – vielleicht wegen seines Aufrufs zu (mehr oder minder) freier Liebe/Sexualität ins Exil verbannte. Tomi, ein Ort am schwarzen Meer, galt in der Antike als Ende der zivilisierten Welt. Kaum eine Bestrafung konnte für einen Römer härter sein als fern der römischen Hochkultur leben zu müssen. Auch Ovid, der aus einer adligen Familie stammte, traf dieses Schicksal schwer. Wie sehr Ovid nach einem Leben voller scharfzüngiger Kritik Rom in seinen Werken auch ehren und preisen sollte: Eine Rückkehr blieb ihm bis zu seinem Tod verwehrt.

Die „Ars Amatoria“ ist ein Lehrgedicht über die Liebe. Allein dieser Ausgangspunkt, nämlich die grundsätzliche Idee, ein Buch über die Liebeskunst zu schreiben, war für einen Römer nicht selbstverständlich. Viele waren wie Horaz der Auffassung, dass das Sexuelle mit so wenig Emotionen wie möglich verbunden sein sollte.(2) Ein Gedicht über dieses Thema? Gewagt! Zudem standen alle Dichter zu Zeiten Augustus in einem ständigen Spannungsverhältnis zur zeitgenössischen Realität, die von strengen Sittengesetzen geprägt war.

Liebeslehren in der erotischen Dichtung gab es zwar bereits vor Ovid, doch dieser ging noch einen Schritt weiter: Er schuf ein Kompendium. Ovids Liebesbildung wurde zum kulturellen Ideal. Sein Leser wurde zum doctus, zum amator doctus: zum gelehrten Liebhaber. Ziel war es jedoch nicht einen Universitätsabschluss zu erlangen, Ovid wollte seine männlichen Zeitgenossen dazu befähigen, nicht mehr willenlos dem Liebesgott Armor zu erliegen. Durch die Lektüre, so versprach es Ovid, solle der Leser lernen, den Gott zu lenken und beherrschen. Die Ars Amatoria ist in drei Bücher unterteilt, strittig ist, ob das dritte Buch nachträglich von Ovid hinzugedichtet wurde. Die ersten beiden Teile richten sich an eine rein männliche Leserschaft, das dritte an Frauen. Ein Hinweis darauf, dass Ovid nach dem Erfolg der ersten beiden Teile noch eine „Fortsetzung“ schrieb, ist ein Schlusswort – direkt vor dem dritten Teil: „Hier hat das Werk ein Ende.“ (3) Die darauffolgende Überleitung, in der Ovid vorgibt, von Frauen um Liebesratschläge gebeten worden zu sein, könnte also Jahre später verfasst worden sein.

Als Inspirationsquelle für sein Werk nennt Ovid ganz zu Beginn praktische Erfahrung. Da Ovid drei Mal verheiratet war, mag man ihm eine gewisse Erfahrung zugestehen. Jedoch erfährt der Leser im Folgenden nichts über Ovids persönliches Liebesleben. Zunächst gibt Ovid einige Hinweise, wo Mädchen überhaupt zu finden sind, beispielsweise im Theater, im Zirkus oder der Arena. Unter der Überschrift „Wie erobert man Mädchen?“ behandelt Ovid wichtige Faktoren wie Selbstvertrauen, die Wahl des richtigen Zeitpunkts, Geschenke und Liebesbriefe, aber auch für moderne Verhältnisse eher grundlegende Voraussetzungen wie Hygiene. Es reicht jedoch nicht ein Mädchen zu finden und es für sich zu gewinnen: die Liebe soll nach Möglichkeit auch etwas andauern. Um das gefundene Mädchen also nicht gleich wieder zu verlieren, gibt Ovid wertvolle Tipps, wie etwa absolute Diskretion bei Seitensprüngen aber auch den bewussten Einsatz von Eifersucht. Verschlungen haben die Leser die Ars Amatoria jedoch vor allem wegen der Kapitel, die recht unverblümte Vorschläge für guten Sex enthalten.

Die Ratschläge an die Frauen sind weitaus weniger raffiniert als die an die männliche Leserschaft. Sie beschränken sich weitestgehend auf optische Tipps und Tricks zu Schmuck, Frisuren, Kleidung und Körperpflege. Allerdings warnt Ovid seine Leserinnen auch vor Aufschneidern und Schönlingen, und gibt einen Überblick über die breite Sparte an Männern, die zur Auswahl stehen. Er katalogisiert diese nach Alter, Beruf und finanzieller Kraft. Ein wenig Eigennutz kommt ins Spiel, wenn er den Dichter als idealen Liebhaber anpreist. Auch für die moderne Römerin hatte Ovid so einige Sextipps auf Lager, wie beispielsweise dem Mann nicht den Rücken zuzudrehen, wenn sie einen dicken Hintern hat, dies allerdings zu tun, wenn das Gesicht nicht ganz so hübsch ist.

Weiter geht’s in Teil 2

(1) Michael von Albrecht (Hrsg.): Publius Ovidius Naso. Ars Amatoria. Liebeskunst, Stuttgart 2002, S. 106-107.

(2) Vgl. Karl Büchner: Dis römische Lyrik. Stuttgart 1976, S. 105-178.

(3) Albrecht, S. 106-107.

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