Buchtipp: Die Genies der Lüfte

Zum Geburtstag habe ich von meinem Vater ein wunderschönes, selbstgebautes Vogelfutterhäuschen geschenkt bekommen. Es hat Eingänge an allen Seiten, sein Inneres ist jedoch durch ein überstehendes, rotes Dach vor Wind und Wetter geschützt. Bis weit in den Frühling kommen Amseln, Spatzen, Finken aller Art und kleine Meisen zu Besuch, und es war eine absolute Freude, diesen bei ihrer Stippvisite in meinem Garten zuzusehen. Das Amselmännchen zum Beispiel setzt sich zuerst eine ganze Weile aufs Dach und demonstriert lautstark, dass das Häuschen für die nächste Zeit ihm ganz alleine gehört. Es soll ja niemand auf die Idee kommen, ihm seine Sonnenblumenkerne streitig zu machen. Die kleine Blaumeise mit einem verletzten Bein huscht immer durch die kleine Öffnung an der rechten Seite ins Häuschen, schnappt sich ein Körnchen und fliegt schnurstracks in den nahen japanischen Ahorn, um es dort zu verputzen. Erst wenn sie ganz sicher ist, dass die Luft rein ist, schnappt sie sich das nächste Körnchen. Die Distelfinken mögen es nicht besonders, alleine zu essen. Sie kommen stets in einer größeren Gruppe von mindestens 4 Vögeln, und belagern das Futterhäuschen solange, bis sich auch der letzte von ihnen den Bauch vollgeschlagen hat. Frau und Herr Kohlmeise kommen sogar im Juni noch vorbei, um nachzuschauen, ob sie sich bei der Versorgung des Nachwuchses etwas Arbeit sparen können. Der Grünfink klopft die Körner erst ein wenig auf dem Häuschenboden weich, bevor er sie frisst, während das Rotkehlchen am Boden unter dem Häuschen die runtergefallenen Kerne durchsucht. Der Kleiber ist zu misstrauisch, um sich lange aufzuhalten. Er fliegt mit nur einem Korn sofort an den Waldrand auf der anderen Straßenseite zurück. Der Buntspecht dagegen macht kurzen Prozess und nimmt gleich das ganze Säckchen mit den Nüssen mit.

Vögel sind faszinierend. Sie sind intelligent und pfiffig, farbenfroh und so grazil. Dennoch werden die Tugenden der Vögel oft übersehen. Jennifer Ackerman hat nun ein ganz wunderbares Buch über die erstaunlichen Talente der Vögel geschrieben. In „Die Genies der Lüfte“ taucht sie auf 357 Seiten in die Welt der Ornithologie ein, unterhaltsam und voller Gefühl. Ackerman räumt auch den letzten Zweifel aus, dass in dem alten Vorurteil, Vögel seien dumm, auch nur ein Hauch Wahrheit stecken könnte. Der Leser lernt Erstaunliches über ihre Evolution und Biologie, bekommt einen Einblick in ihre Psyche und erfährt zudem eine Menge Details über ihre perfekten Anpassungsstrategien.     Der Kiefernhäher zum Beispiel versteckt bis zu 5000 Samen in verschiedenen Verstecken, die im Umkreis von hundert Kilometern verteilt sein können – und er findet die meisten wieder! Wie genau, das wissen die Wissenschaftler noch nicht. Man vermutet jedoch, dass diese Vögel sich eine mentale Karte mithilfe von fixen Orientierungspunkten anlegen. Da Kiefernsamen sehr klein sind, muss der Vogel sehr exakt agieren, und zum Graben hat er nur seinen kleinen Schnabel. Es ist ein Wunder, wie dieses kleine Tier es schafft, nahezu 5000 Samen wiederzufinden, während ich fast täglich meinen Haustürschlüssel suche.

Das ist nur eine der vielen spannenden Geschichten, die Jennifer Ackerman erzählt. Im Buch finden sich auch einige wunderschöne Illustrationen, die ebenfalls faszinierende – und sehr liebevoll gestaltete – Eindrücke aus der Welt der Vögel zeigen. Auch der Umschlag ist sehr ansprechend. Der Schreibstil ist weder zu wissenschaftlich noch zu profan, so dass ich denke, dass wirklich jeder etwas aus dieser Lektüre mitnehmen kann. Das Buch ist wirklich ein Schmuckstück – innen wie außen. Ich kann „Die Genies der Lüfte“ jedem empfehlen, der sich für die Natur und ihre Lebewesen interessiert, aber auch jedem, der sich für Biologie oder beispielsweise Psychologie begeistern kann.

„Die Genies der Lüfte“ von Jennifer Ackerman ist im Rowohlt Verlag erschienen und wurde mir für diesen Blogpost kosten- und absolut bedingungslos zur Verfügung gestellt.

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